Auf der Spur

Grafiti SPUR

 

 

Die Frage nach dem Sinn des Seins, die Frage nach dem Sinn einer Frage nach dem Sein zu stellen, nach Heidegger, nach Derrida, ist eine sich selbst stets wiederholende Übung, ermüdend und hoffungslos. Unsere Sehnsucht geht nach der Festigkeit des Seienden, haltsuchend wenden wir uns also an Husserl. Hier nutzt einer den Begriff des Seins lediglich, um Sphären des Seienden abzugrenzen und so das Identische zu markieren: Zeitlichkeit vs. Unzeitlichkeit, Reales vs. Idealem. All dies existiert, denn Bedeutungen ohne Gegenstand sind möglich, fiktionale Welten sind Teil unserer meditativen Wirklichkeit. Husserl etabliert auf dem Weg zur wissenschaftlichen Absolutheit die Nicht-Existenz, das Nicht, das ein anderes als das Nichts wäre, als konstitutive Sphäre des Seins. So öffnet sich eine komplexe, differenzierte Metaphysik des Seins durch die kategorialen Muster der uns bekannten Lebenswelt hindurch.Weiterlesen »

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Das Zeichen und der Tod

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Die endlose Kette der Signifikationen verweist auf eine doppelte Repräsentationsstruktur des Zeichens: Nicht nur tauschen Signifikant und Signifikat im unendlichen Regress unablässig die Plätze, sondern auch die Form des Zeichens selbst, der Signifikant, verweist als empirisch-reales „Phonem“ etc. auf seine ideale Zeichenform (vgl. Derrida, Die Stimme, 70). Darauf verweist Derrida ausdrücklich, wenn er in einer Fuß­note hervorhebt: „Das Sprachzeichen vereint nicht eine Sache und einen Namen, sondern einen Begriff und ein Lautbild.“ (Ebd., S. 64, F.4) Körper und Idee werden gemeinsam in einem Syntagma geborgen, vom Sprachzeichen aus spalten sich zwei Spuren, eine der Stimmen und eine der Gedanken, die sich auf einer parallelen, aber nicht gemeinsamen Bahn entfalten, ohne ge­meinsame Logik, aber in einer Existenz ver­knüpft. Sicher ist: Im Tod der Stimmen ver­stummt die Spur der Gedanken, ohne zu sterben. Weiterlesen »

Semiotische Spaltung

Innerhalb der semiotischen Typologie, die Husserl allerdings nur in den Abschattungen seiner Evidenzphilosophie und in kontrastiven Strichen encadriert,  fungiert das Anzeichen als spaltendes  Zeichen. Seine Spaltung ist simultan Genesis, Ursprung, Arche: Es erzeugt eine Ontologie der Dinge und der Subjekte. Die Spaltung des Anzeichens, die bloße Referentialität seiner Bedeutung, verlangt die Realität eines Zeichenkörpers. Möglich ist jedoch auch die kausale Folge umzukehren: Die Realität des Zeichenkörpers erzeugt den Abstand der Referentialität. So sind die begrifflichen Differenzierungen der Referenz, der Realität und des Zeichenkörpers bereits in ihrem Ursprung verwoben. Sie bedingen einander, ohne sich zu erklären, sind Momente eines übergreifenden Aktes: „Was uns als Anzeichen (Kennzeichen) dienen soll, muss von uns als Dasein wahrgenommen werden.“ (LU, II, 42) Zugleich verweist die arbiträre KonventionalitätWeiterlesen »

Anzeichen der Kommunikation

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Bereits in der Überschrift und im fortlaufenden Text spricht Husserl vom Terminus „Zeichen“. Deshalb ist Derridas Konzentration auf ontologische Aspekte in Husserls Zeichentheorie auch hermeneutisch gut begründet. Die Differenz des Zeichens eröffnet sich Husserl im Fokus der Logik; diese erst erzwingt die Definition von „Anzeichen“ und „Ausdruck“ – nicht aber, wie vielleicht naheliegend: die Referenz. Das Anzeichen gelte deshalb auch vor allen anderen Bestimmungen als ein nicht „einsichtiger“ Urteilsakt,  d.h. das Anzeichen simuliert eine Kausalität, ohne diese objektiv mit darzustellen. Genauer: Die simulierte Kausalität bleibt subjektiv, willkürlich, arbiträr und damit im Medium intersubjektiver Kommunikation. Sind Anzeichen also nur Ausdrücke mit fehlerhafter Referenz? Nein, keineswegs, denn das Stigma zeichnet den Sklaven, wenn er einer ist, richtig. Wahrheit und Falschheit sind Weiterlesen »

Zeichen

Aber festgehalten werden darf, dass Derrida in seiner Dekonstruktion der Evidenzphilosophie eine metaphysikkritische Schicht bei Husserl anerkennt. imgp10212.jpg.jpegDessen doppelsinniger Zeichenbegriff, „den beiden dem Worte Zeichen anhängenden Begriffen“ (LU, II, 31), nämlich Anzeichen und Ausdruck sein zu könnenimgp10212.jpg.jpeg, öffnet die ansonsten geschlossene Absolutheit mit der Husserls Phänomenologie im übrigen Werk auftritt. Die doppelsinnige Invertierung, die sich hier im Doppelsinn des Zeichenbegriffs ankündigt und deren Spaltung sich fortpflanzen ließe zu unendlichen epistemologisch-semiotischen Differenzierungen des Onto-Logischen selbst, kündigt sich im Vorrang des Semiotischen an. Hier würde der Zeichenbegriff nicht mehr als Erscheinung der Wahrheit aufgefasst, sondern die Wahrheit als Funktion des Zeichens begriffen, mit all den daraus folgenden Komplikationen. Die sich hier als Möglichkeit ereignende Spaltung des Zeichenbegriffs schließt sich aber sogleich wieder in der völligen Transparenz des Zeichens als Ausdruck, dem durchgehend als eigentlichem Gegenstand der phänomenologisch-egologischen Reduktion Vorrang gegeben wird. Und Derrida wird im ersten Kapitel von Die Stimme und das Phänomen genau diesem metaphysischem Strang in Husserls Philosophie nachgehen.

Intellektuelle Anschauung

I

Husserl arbeitet wie der Wiener Kreis an einer Klärung der Sprache. Seine Vorgehensweise ist aber eine gänzlich andere. In seinem Fokus stehen intuition.jpgnicht vorrangig scheinbar „harte“, auf die sinnliche Unmittelbarkeit verweisende Protokollsätze, die mit mathematischer Logik operationalisiert und von den Schlacken der Alltagsbedeutungen gereinigt werden könnten. Stattdessen sucht Husserl einen Weg, das Gebäude des Wissens sozusagen von oben aus aufzubauen. Hierzu nutzt er den Weg der Intuition. Innerhalb der immer schon gegebenen konkreten Erlebnisse soll mit wissenschaftlicher Akribie (Stichworte hierzu sind Wiederholbarkeit und Exaktheit) eine für die Wissenschaft eher ungewöhnliche Methodik erprobt werden, die allerdings – man denke nur an Descartes berühmte meditationes de prima philosophia oder Platons Wesensschau der Ideen im Höhlengleichnis – eine lange philosophische Tradition hat: Meditation als Form des Philosophierens.Weiterlesen »

Genderutopie

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In Das Unbehagen der Geschlechter schreibt Judith Butler:

Die Institutionalisierung einer naturalistischen Zwangsheterosexualität erfordert und reguliert die Geschlechtsidentität als binäre Beziehung, in der sich der männliche Term vom weiblichen unterscheidet. Diese Differenzierung vollendet sich durch die Praktiken des heterosexuellen Begehrens. Der Akt, die beiden entgegengesetzten Momente der Binarität zu differenzieren, führt dazu, dass sich jeder der Terme festigt bzw. jeweils eine innere Kohärenz von anatomischen Geschlecht (sex), Geschlechtsidentität (gender) und Begehren gewinnt. (S. 46)

Wie leben im Bunker, im Bunker unseres Geschlechts, das wir nicht sind: Männer und Frauen/ Frauenmänner/ Männerfrauen/ Mädchen, girls, boys, Jungen/ eine Frau, kein Mann: Konzepte, Intentionen und Praxen der Geschlechter fließen zusammen, verflüssigen sich, bilden Strudel, Wasserbilder. Sie sind Momente, Blitzlicher in der Zeit, erscheinen in wechselseitigen Funktionen, stellen sich im anderen dar. Sie sind Machtaggregate, lassen sich trotz aller Transversen und Moden des Geschlechts nicht spalten, es sei denn durch eine neue Praxis des Begehrens, die die alte Tradition heterogener Lüste ersetzt. Dies wird naturgemäß kein linkes emanzipatorisches Projekt mehr sein, vielmehr eines, das die politische und kulturelle Langeweile beendet, indem sie die ökonomische Monotonie des immer gleichen Verwertungsprozesses feiert. Wahrscheinlich ist dieser Prozess längst im Gange: Das konsumptive Begehren verzehrt den binären Code durch eine universelle Äquivokation. Im monetären Konsum sind alle ursprünglichen Formen des Begehrens monologisch aufgehoben. Die ausbleibende Befriedigung ist das Pendant der Universalisierung des Begehrens und wirkt hierbei nichts weniger als systemkritisch. Im Hamsterrad der konsumgetriebenen Lust erreicht niemand sein Ziel. Vielmehr ist sie das zentrale Movens für die Fortentwicklung der Konsumökonomie und stabilisiert den modernen Spätkapitalismus im Gewand der Rebellion und sexuellen Entgrenzung.